Die kleine Sekunde sucht die Zeit
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LOST PLACES: Vor dem Vergessen bewahren - die kleine Sekunde auf der Suche nach vergessenen Orten an der Müritz und deren Geschichte...

Die kleine Sekunde auf dem Müritzflugplatz Rechlin-LärzDie kleine Sekunde an einem markanten Ort: die originale Rollbahn auf dem geschichtsträchtigen Flugplatz in Lärz.

Rechlin/Lärz. Die Betonpiste liegt ruhig. Aber aus jeder Pore atmet Vergangenheit. Heute starten hier Sportflugzeuge, und der Müritz-Airpark mit einzigartig ausgebauten Hangars und schmucken Ferienhäusern entsteht. Gleich nebenan liegt das Kulturkosmosgelände, wo alljährlich das beliebte Fusion-Festival steigt, was zigtausende Menschen in seinen Bann zieht und zum ausgelassenen Feiern in einer sorgenfreien, kulturell reich gefüllten Parallelgesellschaft animiert - wenn nicht gerade Corona das Geschehen lähmt. Damals allerdings in den 30er und 40er Jahren war alles anders:  Es war eine Zeit, die den Landstrich in besonderer Weise geprägt hat. Die südliche Müritzregion, heute eine der beliebtesten Ferienregionen Deutschlands, hat eine bewegte Geschichte. Auf dieser Seite widmet sich die kleine Sekunde einem sehr ernsten Thema - aber auch das hat mit Zeit zu tun, und Verstehen ist besser als Unwissenheit, es ist der Anfang von Verzeihen und ein kleines bisschen Welt verbessern.

An der Müritz befand sich einst bis zum Ende des zweiten Weltkriegs die zentrale Flugzeug-Erprobungsstelle der deutschen Luftwaffe, die sogenannte E-Stelle Rechlin.


Unzählige Fluggeräte, die an der Front zum Einsatz kamen und das "Ruder" noch rumreißen sollten, wurden in Rechlin und Lärz auf Flugtauglichkeit, aerodynamische Eigenschaften und technische Vollkommenheit getestet. Auch die ersten Strahlflugzeuge der Welt, darunter die Me 262, kamen hier bei der Erprobung zum Einsatz. Piloten, Ingenieure und Luftfahrtenthusiasten aus ganz Deutschland, die anfangs schlichtweg ihrer Leidenschaft nachkamen und sich beruflich beim Entwickeln immer modernerer Technik verwirklichten, gerieten zunehmend in die Kriegsmaschinerie und ein System, das kein Erbarmen kannte. Die Anzahl der zu fliegenden Tests nahm 1943/44 rasant zu.

Die Flugzeugtypen und Baumuster waren immer unausgereifter. Die Verluste wurden immer gravierender. Die Sirenen heulten laut - wenn wieder eine Maschine auf die Piste prallte, in Flammen aufging und zerschellte oder in die Müritz fiel. Zahlreiche Piloten stürzten ab und kamen ums Leben. Ein Kapitel, das Spuren hinterlassen hat - und das im Luftfahrttechnischen Museum Rechlin Aufarbeitung erfährt. Wer hier auf dieser Seite Anregung findet, sich mit dem Thema intensiver auseinander zu setzen, sollte sich dort mit den Zeitzeugnissen vertraut machen oder an einer Führung teilnehmen. Eine Einordnung der damaligen Situation unter heutigen Gesichtspunkten kann und will diese Seite nicht leisten. Das erfordert eine tiefergreifende Herangehensweise.

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DIE KLEINE SEKUNDE - ein Projekt von "Mitten im Dorf", das sich im weitesten Sinne mit Zeit befasst, hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses bewegende Stück Heimatgeschichte hier in Ansätzen darzustellen - durch das Aufsuchen verschiedener Spuren der Vergangenheit aus der Zeit von vor 1945, aber auch aus der Zeit danach, als die sowjetischen Streitkräfte das Flugplatzgelände in Lärz in ihre Regie nahmen. Dazu gibt es Buchempfehlungen, die das Gewesene auf emotional einzigartige Weise erlebbar machen und für die Zeit damals - die einen behutsamen Umgang erfordert - sensibilisieren. Noch immer gibt es Menschen, die um ihre Angehörigen, Väter, Großväter, Geschwister, trauern, die die technischen Errungenschaften und die Leistungen der Piloten, Bordingenieure, Mechaniker usw. für die Entwicklung der Luftfahrt anerkannt wissen wollen, und es gibt auch die Kritiker, die die Zeit damals strikt verurteilen. Aber das eine und das andere müssen sich nicht ausschließen. Manchmal macht es Sinn, das Geschehene unter den Vorzeichen der Zeit zu betrachten - dann entzerrt sich das Bild, und es bietet sich Raum für Verständnis. 

Fakt ist: Die Spuren der Vergangenheit sind allgegenwärtig. Sie schlummern inmitten der umliegenden Wälder, so wie der gigantische Betonbunker, der vermutlich dazu dienen sollte, die Strahlflugzeuge zu warten. Nach Zeitzeugen-Berichten waren die Tore noch nicht eingesetzt. Dann war der Krieg zu Ende, und die herannahende Rote Armee versuchte 1945, das Jahrhundertbauwerk zu sprengen - mit bescheidenem Erfolg, wie man noch heute sieht. Wer mehr über die brisante Geschichte Rechlins erfahren möchte, findet in der Neuauflage des Originalromans "Sterben war ihr täglich Brot" von Autor Norbert Lebert (erschienen 2017 bei mecklenbook) auch einen zeitgeschichtlichen Anhang. Elke Enders, Journalistin beim Nordkurier, hat sich darin auf Spurensuche begeben und in vielen Fotos die Entwicklung in und um die Erprobungsstelle eingefangen. Freundlich unterstützt wurde sie dabei von den Mitarbeitern und Vereinsmitgliedern des Luftfahrttechnischen Museums in Rechlin, wodurch es möglich wurde, ein schlüssiges, informatives Bild nachzuzeichnen.

  • Der große Bunker, der 1945 durch die Sowjets gesprengt wurde.
  • Große Betonklötze sind übrig, die Wände waren zu dick.


Die Redaktion der kleinen Sekunde lädt ein, dieses Stück Vergangenheit mit ihr auf einer ZEITREISE, die nach und nach vervollständigt wird, mitzuerleben - es ist der Versuch, sich einem ernsten Thema auf unterhaltsame Weise zu nähern, denn so erreicht man viel mehr Menschen, als mit hoch wissenschaftlichen Dokumentationen.  

Sprottscher Berg - strategischer Höhepunkt

Ein strategisch markanter Punkt schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts war der Sprottsche Berg (oft auch Sprotscher Berg geschrieben). Mit seinen 102 m über NN (Höhe entspricht lokalen Angaben) ist es die höchste Erhebung im Umland der Müritz. Der Hügel befindet sich bei Rechlin/Ellerholz und wurde daher schon frühzeitig als Aussichtspunkt genutzt. 1918 erhielt er besondere Bedeutung, als auf seiner "Spitze" die fliegerische Versuchs- und Lehranstalt am Müritzsee durch den Großherzog feierlich eingeweiht wurde. Die strategische Bedeutung hielt während der Nazi-Zeit an, da ringsum die Flugfelder der Erprobungsstelle lagen. Das Gelände ist mit mehreren Bunkern unterwandert. Nach dem Krieg hatten die Sowjetischen Streitkräfte hier Radarstationen installiert, wie sich Einheimische noch erinnern. Dennoch waren Teilbereiche für die Bevölkerung zugänglich. So nutzten auch Schulklassen das naturbelassene Ambiente für Wandertage - mit Spielen  und Picknick unter freiem Himmel. Bei schönem Wetter und wenig belaubten Bäumen kann man noch heute vom Gipfel die Müritz sehen. Auch bietet sich ein weiter Blick in die Landschaft. Die Gemeinde hat eine Infotafel angebracht, die über die Bedeutung des Ortes Auskunft gibt.  Die unterirdischen Bunker sind zum Großteil verschlossen - das Gelände ist privatisiert, wie zu erfahren war. Und es gab schon die unterschiedlichsten Pläne damit. So waren Solaranlagen ebenso im Gespräch wie der Anbau diverser Gartenkulturen.

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Ein Buch, das auf eindrucksvolle Weise Einblick sowohl in den Alltag als auch ins Frontgeschehen während des zweiten Weltkriegs gibt, ist "Gerdi - Was bleibt. - Briefe von der Front 1939 bis 1944"  Gerdi war ein junger Mann, der aus Neustrelitz/Mecklenburg stammte. Er weilte auch manchmal in Lärz, wo er auf einem Bauernhof half. Am liebsten wollte er selbst einmal Landwirt werden. Das Abitur gerade in der Tasche, kam aber alles anders. Er wurde eingezogen. Zuletzt kämpfte er an der Ostfront.

  • Augenzeugen-Bericht zur Erprobungsstelle Rechlin: Als die He 177 vom Himmel fiel

Ein Zeitzeuge erinnert sich:  

"Der hing so schräg der große Vogel, riesen Dinger, 30…50 Meter über uns weg, die Pferde scheuten nicht mal, die waren das gewöhnt, haben viele Abstürze gesehen"

Rechlin/Lärz (ee). Es war draußen auf dem Feld – ein ganz normaler Tag. Doch für die Jungs aus dem Dorf gab es kein Halten mehr, als plötzlich dieses Flugzeug angerauscht kam. Die Flammen schlugen hoch, während die Maschine unsanft zu Boden ging. Auf einem Acker unweit des Flugplatzes Lärz schlug sie auf, die He 177, ein riesen Koloss. „Wir waren in der Nähe und sind sofort hingerannt. Alles brannte lichterloh. Man nannte diesen Flugzeugtyp ja nicht umsonst Reichsfeuerzeug oder auch Reichsbrandfackel…“, erinnert sich Zeitzeuge Helmut J., heute 93 Jahre alt, der damals mit seinen Kumpels zur Dorfjugend zählte.

Dieser Flugzeugtyp, dessen Prototypen auch an der Müritz in der Erprobungsstelle in Rechlin getestet wurden, hatte den unrühmlichen Beinahmen bekommen, weil sich immer wieder wie aus heiterem Himmel Brände entwickelten, die der Besatzung oft das Leben kosteten. Viele Maschinen stürzten ab, auch schon bei den Testflügen. Sie zerbrachen in der Luft, oder die Motoren fingen Feuer, so dass das Flugzeug nicht mehr zu beherrschen war. Trotz Nachbesserungen war das Problem nicht in den Griff zu bekommen. Und meist waren immer gleich vier bis sechs Menschen tot. Denn soviele gehörten zur Besatzung dieses schweren viermotorigen Bombers. Ungewöhnlich an diesem Fabrikat aus dem Hause Heinkel war die Anordnung der Triebwerke. Je zwei Motoren, die miteinander gekoppelt waren, befanden sich zu jeder Seite. Sie trieben eine gemeinsame Propellerwelle an. Mit dem ungewöhnlichen Antrieb sollte die Maschine sturzflugtauglich gemacht werden, um bei den Fronteinsätzen noch wendiger und treffsicherer agieren zu können.

Auch an diesem Tag, an dem sich das Unglück ereignete, war nicht mehr viel zu retten. „Nur der Heckschütze kam noch raus, er war schon angekokelt, brannte an der Kleidung, wir haben ihn quasi in Empfang genommen und noch versucht, mit Erde zu löschen. Dann kamen auch schon die Feuerwehr und das Militär, kurz darauf war alles abgesperrt, und niemand kam mehr ran…“

Was die Jungs damals auf dem Feld zwischen Lärz und Rechlin erlebten, war kein Einzelfall. An das ständige Brummen der Erprobungsflugzeuge in der Luft hatten sich die Anwohner in der südlichen Müritzregion längst gewöhnt, und auch daran, dass auf den Äckern, die in den Kriegsjahren immer noch bestellt wurden, Flakschützen Position bezogen hatten. Denn die Feind-Bomber konnten zu jeder Zeit über den Raum Rechlin einfallen. „Wir waren oft beim Kühe hüten, wenn dann die Bomber kamen, ging das Geballer los. Die Splitter fielen überall runter“, berichtet Helmut J. weiter...

(In voller Länge ist der Artikel im Nordkurier erschienen/Autorin: Elke Enders)


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